100 Tage iM AMT - IM GESPRÄCH MIT BÜRGERMEISTER MARTIN ÖTTL (Interview mit Tanja Weichold)

Öttl Martin von Weichold Tanja

Herr Bürgermeister, wie fühlen Sie sich nach den symbolischen 100 Tagen im Amt?

Danke für die Nachfrage. Es geht mir sehr gut. Ich gehe jeden Tag mit Freude ins Amt und freue mich über jedes Gespräch, jeden Kontakt und jede Unterhaltung. Ich liebe den Umgang mit Menschen und ich hoffe, dass ich diese positive Stimmung auch auf das Amt übertrage. Klar gibt es immer wieder Themen, die schwer zu bearbeiten sind und es ist in einigen Fällen auch mal nicht so leicht, wie man sich das vorstellt, aber letztlich bin ich wirklich glücklich, dass ich für unsere Bürgerinnen und Bürger arbeiten darf.


Der Beginn der Amtszeit ist noch nah, die Erinnerungen sind noch frisch: Wie waren Ihre Erwartungen an das Bürgermeisteramt, wie sieht die Realität aus, was hat Sie vielleicht besonders überrascht?

100 Tage sind eigentlich keine lange Zeit, aber ich habe mich voller Freude und Tatendrang in meine neue Aufgabe gestürzt und ich habe es bisher noch keine Sekunde bereut. Wo ich auch hinkomme, erhalte ich positives Feedback – nicht nur zu meiner Person, sondern allgemein zur Gemeinde. Es gibt immer etwas, das man verbessern kann, aber im Großen und Ganzen kommt die Arbeit von Gemeinderat und Verwaltung bei den Bürgerinnen und Bürgern gut an. Das freut mich sehr.
Ich bin kein Politiker, sondern möchte unsere Gemeinde in den einzelnen Sachthemen weiter nach vorne bringen. Ich denke eher, dass ich sehr erfreut und dankbar für die letzten 100 Tage bin. Ich möchte auch kein klassischer Politiker werden, sondern der Martin Öttl bleiben, denn mir geht es nicht um Einzelinteressen, sondern um das Wohl der Gemeinde. Ich bin richtig froh, dass auch der Gemeinderat sich dahin entwickelt hat. Wir haben eine positive Stimmung im Rat und tauschen uns untereinander intensiv aus. Jede Meinung ist willkommen und wird akzeptiert. Wir suchen alle nach der bestmöglichen Entscheidung im Interesse aller und das macht wirklich Spaß.


Sie sind Politikneuling und sagten kurz nach der Wahl, dass Sie vielleicht mehr als die symbolischen 100 Tage brauchen, um sich einzuarbeiten. Wie kommen Sie voran mit dem Einarbeiten in die Politik, noch dazu in diesem höchsten Amt in der Gemeinde, wo liegen für Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Der Start war mit der Corona-Pandemie und den jüngsten Hochwasser-Ereignissen nicht leicht, aber auch das haben wir zumindest bis jetzt ganz gut hinbekommen. Es wäre vermessen zu sagen, dass ich mich in alle Themen umfangreich eingearbeitet habe. Ich denke, das ist weder machbar noch erforderlich. Ich kenne mich in den Sachthemen mittlerweile gut aus und habe eine Verwaltung und einen Gemeinderat an der Seite, die mir die Arbeit sehr erleichtern. Wir arbeiten alle offen und ehrlich zusammen und das hat uns schon viel gebracht. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie sind Investitionen derzeit sehr schwierig und bedächtiges Vorgehen in vielen Bereichen ist erforderlich. Im Hintergrund haben wir aber gemeinsam an einem positiven Fundament für die Zukunft gearbeitet.
Die größten Herausforderungen liegen derzeit im sparsamen Umgang mit den vorhandenen Finanzmitteln, weitsichtigem Planen, aber auch in gezielten Investitionen, um weiter handlungsfähig zu bleiben. Aktuell ist natürlich das Hochwasserereignis vom 04.08. ein großes Thema. Maßnahmen aus der Vergangenheit haben da und dort schon Wirkung gezeigt. Wir wollen den Hochwasserschutz für alle Bürgerinnen und Bürger weiter mit aller Kraft verbessern.


Was der Laie oft nicht einschätzen kann ist das enorme Fachwissen, das in einer Verwaltungsbehörde notwendig ist, schließlich geht es um ganz grundlegende rechtliche und amtliche Vorgänge, alles muss korrekt sein und seine Richtigkeit haben. Wie finden Sie sich zurecht in dieser völlig neuen Fachwelt und wie gefällt sie Ihnen?

Selbstverständlich haben Sie Recht damit, dass alles seine Richtigkeit haben muss. Zugegeben, die Entscheidungswege sind etwas kompliziert, aber ich komme damit schon gut zurecht. Ich habe Seminare besucht und mich mit „alten Hasen“ intensiv ausgetauscht. Letztlich ist es immer eine Frage des Vertrauens. Im Ainringer Rathaus haben wir tolle Experten auf ihren Gebieten und die beraten und unterstützen mich mit all Ihren Kräften. Sie können sich einbringen und haben dadurch Freude an der Arbeit. Ich bin allen dankbar, die mir in den letzten 100 Tagen geholfen haben, die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Wir haben auch einen offenen Dialog zu anderen Behörden wie z.B. ins Landratsamt Berchtesgadener Land, zum Staatl. Bauamt Traunstein, zum Wasserwirtschaftsamt Traunstein, u.v.m. Wie bereits geschildert bin ich mittlerweile in so gut wie allen Themen drin und freue mich, die Gemeinde positiv zu entwickeln.


Sie sind kraft Ihres Amtes auch berechtigt, Ehen zu schließen. Haben Sie schon ein Brautpaar vermählt und wie fühlten Sie sich dabei?

Ich habe mittlerweile ein Seminar für Eheschließungsbeamte im Landratsamt besucht und es hat mir sehr gut gefallen. Habe an einer Trauung als Beisitzer mitgewirkt, jedoch selbst habe ich bisher noch kein Paar getraut. Von daher kann ich leider noch nicht sagen, wie sich das anfühlt, aber ich freue mich schon riesig auf diese Aufgabe, habe aber auch großen Respekt davor. Es ist wohl eine der schönsten Seiten im Amt, gemeinsam mit einem Paar einen der schönsten Tage im Leben zu feiern.


Sie sind Chef einer Verwaltung mit 28 Mitarbeitern. Wie fühlt sich diese Rolle an und wie groß ist diese Herausforderung, wie leicht ist es für Sie und alle Mitarbeiter eventuell einen neuen Führungsstil und Neuerungen einzuführen?

Die Herausforderungen sind natürlich groß, aber auch in meinem vorherigen Beruf hatte ich Führungsverantwortung für zahlreiche Mitarbeiter. Nach 100 Tagen kann ich feststellen, dass die Gemeinde Ainring topmotivierte und hervorragende Mitarbeiter hat. Natürlich pflege ich einen anderen Führungsstil als mein Vorgänger. Das ist aber völlig normal, denn jeder hat seine eigenen Ideen, Methoden und Herangehensweisen. Mir ist wichtig, dass meine Mitarbeiter gerne in die Arbeit gehen, sich mit voller Hingabe den Aufgaben widmen und unparteiisch ihre Aufgaben erledigen. Das ist bei uns zu 100% der Fall. Auch in der Verwaltung ist mir ein offener, transparenter und vertrauensvoller Umgang wichtig. Meine Tür steht immer für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter offen. Das weiß jeder und ich denke, das schätzen die Leute auch. Verwaltung, Gemeinderat und Bürgermeister wachsen an ihren Aufgaben und ich bin immer offen für Verbesserungen, egal von welcher Seite sie kommen.


Wie ist die Zusammenarbeit in den politischen Gremien, was ist Ihnen wichtig, wie läuft die Zusammenarbeit bisher, gibt es noch Wunden, die nach der Wahl verheilen müssen?

Sicher war die Kommunalwahl in diesem Jahr nicht nur für mich persönlich ein einschneidendes Ereignis. Auch die Zusammensetzung im Gemeinderat hat sich grundlegend geändert. Es hat sich aber sehr schnell nach der Wahl gezeigt, dass wir quer durch alle Fraktionen sehr vernünftige Gespräche führen und die Sachthemen im Vordergrund stehen. Mit der 2. Bürgermeisterin Rosi Bernauer und 3. Bürgermeister Martin Strobl haben wir eine schlagkräftige Führungsmannschaft, die sehr vertrauensvoll miteinander zusammenarbeitet. Auch mit den einzelnen Gemeinderäten empfinde ich das Arbeiten als sehr angenehm. Es geht allen um die Sache und nicht um Parteien bzw. Gruppierungen, Ideologien oder Programme. Das merkt man sehr deutlich und dafür bin ich allen sehr dankbar. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir diese neue Gemeinschaft in den kommenden Jahren noch weiter pflegen und sie hoffentlich noch weiter ausbauen.


Würden Sie uns wichtige Neuerungen verraten? Die Gemeinde ist zum Beispiel jetzt auch auf facebook aktiv …

Eine bahnbrechende Neuerung ist es ja in der heutigen Zeit nicht, wenn man auf Facebook aktiv ist. Mir ist es wichtig, dass sich die Bürgerinnen und Bürger auf verschiedene Art und Weise schnell über wichtige Ereignisse und Themen informieren können. Wir tasten uns an diese Sache vorsichtig heran und werden das sicher noch ausbauen. Auch die Gemeindezeitung wird ein anderes Aussehen haben, dazu möchte ich aber noch nicht mehr verraten, nur so viel: die Zeitung wird künftig komplett im Rathaus erstellt – auch das Layout.
Weiterhin planen wir, die offene Kommunikation vor allem im Gemeinderat noch weiter auszubauen. Wir werden demnächst unter Einhaltung aller Hygienevorschriften eine Klausurtagung mit einem Schwerpunktthema veranstalten. Losgelöst von den alltäglichen Aufgaben soll der Gemeinderat sich zu unterschiedlichen Themen informieren und austauschen können, damit Zukunftsprojekte noch schneller angegangen werden können.


Wie lange sind Ihre Arbeitstage, wie schöpfen Sie Kraft und Energie?

Meine Arbeitstage sind so lange, wie sie dauern müssen. Ich bin ein Typ, der gerne am Abend seine Arbeit gemacht hat. Ich bin mit Freude am Werk und ich schaue auch nicht auf die Uhr. Ich empfinde es auch nicht als Belastung, sondern als Glück, diese Dinge tun zu dürfen. Kraft und Energie ziehe ich unter anderem aus den vielen positiven Rückmeldungen. Ich denke, dass ich in meinen Traumberuf angekommen bin und ich möchte täglich mein Bestes dafür geben. Ich kann den Alltag aber auch ganz gut organisieren und die wichtige Zeit mit meiner Frau und meinen beiden kleinen Töchtern verbringen. Wir haben in den vergangenen Wochen viel unternommen, vom Zelten im Garten über Wanderungen und Radtouren bis hin zu einem Kurzurlaub auf einem Hausboot.


Wo sehen Sie die momentan für Sie die dringlichsten und größten Aufgaben in der Gemeinde? 

Verbesserungen im Hochwasserschutz stehen natürlich ganz oben auf der Agenda. Aber auch das Vorantreiben des Geh- und Radweges von Thundorf nach Vachenlueg ist ein wichtiges Projekt, welches bald zum Abschluss gebracht werden muss. Weiters haben wir bereits beschlossen, dass wir ein Verkehrsgutachten in Auftrag geben wollen, damit wir konkrete Anhaltspunkte vor allem im Hinblick auf Verbesserung der Verkehrssicherheit im gesamten Gemeindegebiet und für Verbesserungen in den Ortschaften entlang der Bundesstraßen 20 und 304 erreichen können. Ein wichtiges Projekt wird auch der Bau weiterer Kinderbetreuungseinrichtungen sein. Gemeinsam mit dem Gemeinderat werden wir in den nächsten Wochen eine Änderung bei der Vereinsfinanzierung diskutieren, ebenso die Vergabe von Bauland für Einheimische. Wir werden die Planungen für seniorengerechtes Wohnen in der Gemeinde vorantreiben, wobei mir persönlich auch daran liegt, dass die Leute auch im Alter dort leben können, wo sie ihr ganzes Leben verbracht haben. Nicht zuletzt steht neben dem Ausbau regenerativer Energien natürlich die Schaffung von Wohnraum vor allem für junge einheimische Familien weit oben auf dem Zettel. Also wir haben viel vor in den kommenden Jahren.


Wie gefällt Ihnen bislang die Arbeit im Kreistag und die Zusammenarbeit mit den anderen Bürgermeisterkollegen?

Auch im Kreistag wurde ich von allen Kolleginnen und Kollegen freundlich und aufgeschlossen empfangen. Ich möchte bewusst betonen – über alle Parteigrenzen hinweg. Ich freue mich sehr, dass die Zusammenarbeit mit unserem neuen Landrat Bernhard Kern und allen Bürgermeisterkollegen sehr eng und vertrauensvoll ist. Auch mit unserer Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und anderen Abgeordneten aus Land- und Bundestag hatte ich schon mehrfach sehr gute Gespräche. Ich bin ein Mensch, der sehr offen ist und dem ein gutes Miteinander wichtig ist. Wir verstehen uns quer durch alle politischen Gruppierungen sehr gut und das kann nur gut für unsere Heimat sein.

Foto (c) Tanja Weichold